Daria Shevtsova vegan nachhaltig

Vegan und trotzdem Nachhaltig: Ein Widerspruch oder wie ist das überhaupt?

Es sind jetzt bald 10 Jahre bei mir, also 10 Jahre an denen ich mich so pflanzenbasiert wie möglich ernähre und zahlreiche tierische Produkte aus meiner Kleidung und meinem Alltag gestrichen habe. Am Anfang waren es die Tiere und die Massentierhaltung, die ich einfach ekelhaft fand und nicht mehr unterstützen wollte. Ziemlich schnell wurde mein Hauptgrund für eine vegane Lebensweise die Umwelt. Für mich stellte sich aber auch schnell die Frage: Kann ich vegan und trotzdem nachhaltig leben?

Dreimal in der Woche Fleisch aus Massentierhaltung zu essen, ist nicht gut für unser Klima. Unser übermäßiger Konsum an tierischen Produkten in der westlichen Welt kreiert einen hohen CO2 Ausstoß, führt zu einer Überfischung der Meere, zerstört Ökosysteme und ist auch noch in zahlreichen Fällen ungesund für die Menschen.

Das scheint natürlich allgemein formuliert. Logischerweise ist nicht alles für alle geltend. Selbstverständlich entsprechen die umweltpolitischen Konsequenzen eines Schafjogurt-Einkaufs am Bauermarkt nicht denen eines Dosen-Thunfischeinkaufs im Billiggsupermarkt. Ist dann doch nicht alles ganz genau das Gleiche. Oder etwa doch?

Wie nachhaltig ist vegan eigentlich?

Jetzt geht’s ans Eingemachte. Sicherlich hat jede*r ein anderes Verständnis von Nachhaltigkeit. Grundsätzlich könnte gesagt werden, dass Einkaufstauschen aus Papier, Stoff oder das Bio-Kreislauf-Sackerl natürlich grundsätzlich besser sind als ein Plastiksackerl. Doch wenn man sich die Ressourcenver(sch)wendung bei der Herstellung, den CO2 Ausstoß und die notwendige Nutzungsdauer genauer ansieht, dann sieht das alles schon wesentlich komplexer aus.

So ähnlich ist es mit dem vegan sein. Es stellt sich die Frage, ob man vegan und trotzdem nachhaltig sein kann. Nehmen wir mal die folgende Ausgangssituation: Ein pflanzenbasiertes Abendessen mit Freund*innen. Du willst deine Gäste so richtig verwöhnen und planst ein Drei-Gänge Menü. Es ist Sommer in Wien und du hast gerade sogar eine geniale Auswahl an regionalen, biologischen Lebensmitteln. Deine Produkte für dieses Menü kommen vom Billa, Spar oder vom Bio-Supermarkt Denns.

Vorspeise: Tomaten-Bruschetta auf Vollkornbrot und grüner Salat mit Radieschen, Avocado, Gurke und Senf-Dressing

Hauptspeise: Paniertes Schnitzel vom Veganz mit Karotten-Mangoldgemüse und Quinoa

Nachspeise: Veganes Ben&Jerry Eis “Coconutterly Caramel’d”

Schmeckt sicher gut, keine Frage. Hat wahrscheinlich sogar eine bessere CO2 Bilanz als ein Rindssteak, das mit zahlreichen Kilogramm Sojabohnen aus dem südamerikanischen Regenwald gefüttert wurde. Wie sieht’s aber genau mit der Wasserbilanz aus? Und wie sind die konkreten Auswirkungen der verschiedenen Lebensmittel? Was passiert mit dem Plastik, in dem das vegane Schnitzel eingepackt ist? Ziemlich komplex ist das. Vegan und trotzdem nachhaltig?

In weiteren Beiträgen wird es um Plastikverpackungen, Bio-Supermärkte, Supermärkte im Allgemeinen, Quinoa und vieles mehr gehen. Jetzt widmen wir uns einfach mal der heißgeliebten Avocado.

It’s time to talk about the avocado in the room

Avocados sind durch den hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren besonder ideal, wenn man wenig oder kein tierisches Fett zu sich nimmt. In Mittel- und Südamerika ist die Frucht deshalb seit tausenden von Jahren ein wichtiger Teil der Grundnahrungsmittel. Zudem sind Avocados auch reich an zahlreichen Vitaminen.

Obwohl die Frucht ähnlich wie Kaffee und Schokolade von den spanischen Kolonialisten in der Welt verbreitet wurde, wird sie aktuell besonders in Mexiko angebaut. Die hohe weltweite Nachfrage und der entsprechende Transport ist alles andere als positiv für die CO2-Bilanz. Aufgrund der langen Distanzen (nach Westeuropa zwischen 5.000 und 6.000 km) werden die Früchte meist unreif gepflückt und gekühlt gelagert, was sehr energieintensiv ist. Spanien produziert auch Avocados, jedoch bei Weitem nicht so viel wie die Hauptproduzenten Mexiko, Chile, Californien, Peru, die Domenikanische Repubik, Brasilien oder Kenia.

Ähnlich wie die meisten Obst- und Gemüsesorten für den Transport, werden auch Avocados in Monokulturen (die durch Abholzung entstehen) unter hohem Einsatz von Pestiziden hergestellt. Aus Lagerungsgründen (dicke Schale) ist der Großteil der angebauten Avocados von der Sorte Hass-Avocado. Die Herstellung einer Avocado benötigt im Anbau bereits circa 300 lt. Wasser. Dieser Wasserverbrauch hat in Chile bereits des Öfteren zu Wasserarmut geführt.

Und nun die Hipster-Armut connection, die uns oft begleitet: Die hohe, weltweite Nachfrage an Avocados hat den Preis der Frucht derartig in die Höhe getrieben, dass jene Menschen, die die Avocado jahrtausendelang zu ihren Grundnahrungsmitteln zählten, sie sich oft kaum oder nicht mehr leisten können.

Nicht zu vergessen: Die hohen Profite für manche Bauern in der mexikanischen Region Michoacán haben Gangs angelockt, die mittlerweile von den Bäuer*innen Schutzgeld verlangen und diese bedrohen. Mehr davon in der Financial Post.

Und was haben wir heute gelernt? Allgemeine Antworten gibt’s selten! Die Avocado ist eindeutig vegan, aber sicher weit entfernt von nachhaltig.

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