WTF: Bist du kein*e Foodcoopista?

Warum gehe ich nicht so gerne in den Supermarkt? Anstehen an der Kassa macht mir keinen Spaß. Manchmal bin ich sogar genervt, wenn eine Schlange an der Kasse ist. Und wenn dann jemand hinter mir oder vor mir schon sudert, warum keine zweite Kassa offen ist. Was mir wirklich auf die Nerven geht, ist wenn ich beim Bezahlen für alle zu langsam bin, weil ich schon wieder mein Kleingeld in der Brieftasche suche.

Und was ist strukturell blöd am Einkaufen im Supermarkt? Die viel zu große Auswahl, die Unwissenheit darüber, woher die Produkte eigentlich kommen, der mangelnde Bezug zu den Produzent*innen und der Müll. Wenn man dreimal in der Woche oder noch öfter einkaufen geht, und zwar nur im Supermarkt, fällt das vielleicht irgendwann gar nicht mehr auf. Vielleicht gehört das dann schon zum Alltag?

Ich mag es lieber anders: Ich mag die Foodcoop

Eine Foodcoop ist eine Einkaufsgemeinschaft. Also eine Gemeinschaft von Menschen, die sich zusammenfindet, um direkt bei biologischen, regionalen Produzent*innen einzukaufen. Gemeinsam gründet man einen Verein, mietet sich ein Lager, organisiert die anfallenden Aufgaben, diskutiert, entscheidet, kauft ein, putzt und lernt.

Wenn du bei einer Foodcoop bist, dann gehst du nicht einfach am Abholtag in die Foodcoop, um deine vorher bestellten Lebensmittel in den Kisten zu suchen, abzuwiegen, dir vielleicht selber die Preise auszurechnen, sie ins Kontoblatt einzutragen und sie ökologisch einzupacken.

Du bist die Foodcoop. Das heißt: Du entscheidest mit. Bei den Plena und in Online-Diskussionen (in Foren) wird gemeinsam entschieden und verhandelt, wie das Miteinander funktioniert, welche Prinzipien bei der Auswahl von Produkten oder von Produzent*innen wichtig sind und wie man Putzdienste organisiert. Du springst vielleicht spontan ein, wenn es darum geht die Südfrüchte abzuholen, die von den Galline Felici zur Foodcoop Markhof geliefert werden. Vielleicht kümmerst du dich um die jährliche Thermenwartung? Oder vielleicht findest du Zahlen grenzgenial und bist die Buchhaltungs-Wunderwuzzi? Deine HTML oder LMTH (Lass meine Tomaten hier) Kenntnisse könnten dich zur Open-Atrium-Vernetzungs-Administratorin machen. Alles ist möglich in der Foodcoop.

Der Lagerraum der Foodcoop Möhrengasse

Die Möhrengasse

Ich bin seit dem Herbst 2013 in der Foodcoop Möhrengasse. Die Foodcoop befand sich damals noch an ihrem Gründungsstandort in der Mohrengasse. Leider hat diese Gasse im zweiten Bezirk weder einen dekolonialistischen Durchbruch noch eine Umbenennung erlebt. Im Jahre 2016 sind wir dann weitergezogen. Immer noch im zweiten Bezirk, doch in die Scholzgasse in der Nähe vom Gaußplatz. Die Nähe zum Augarten führt dazu, dass es immer wieder mal ein Plenum am Sonntag Nachmittag im Augarten gibt. Aus einem ‘Gemeinsam Kochen’ wird dann manchmal ein ‘Gemeinsam Picknicken’ im Augarten.

Unsere Foodcoop Möhrengasse befindet sich in einem Keller. Direkt neben der Eingangstür zur Hausnummer 13 gibt es eine kleine Tür, die hinab und hinein in das Lager führt. Wie in vielen Wiener Foodcoops, gibt es einen Schlüsselsafe in dem die Mitglieder, den Schlüssel für die Foodcoop finden. So ist meist ein Zugang nach Bedarf möglich. Dies ist auch für die Produzent*innen prakisch, die somit die Lebensmittel so liefern können, wann es ihnen passt.

Welche Produkte gibt es gerade?

Strukturell könnte man Lagerware und Bestellware unterscheiden. Also es gibt bei uns in der Möhrengasse Lebensmittel, die meistens da sind, man muss sie nicht bestellen, man nimmt sie sich einfach mit. Das wären bei uns z. B. nach Saison Äpfel und Obstsäfte vom Obstbau Filip aus Bogenneusiedl, Wein und Traubensaft vom Biohof Klampfer in Eisenstadt, Getreide von der Familie Schmidt in Neudorf bei Staatz, Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch von Biohof Bubenicek-Meiberger in Zwerndorf, Olivenöl und Oliven vom Stavros und seiner Familie am Peloponnes. Zudem haben wir auch Kräutershampoo vom Walter Jani, Ursalz, Kichererbsen, Reis (Österreichisch und Italienisch), Nudeln, Bier, alkoholfreien Frizzante, Käse zum selber runterschneiden, Rosinen, Marmelade, Honig, Kaffee, Schokolade, vegane Aufstriche vom Hiel und vieles mehr.

Bestellware ist ein bisschen anders. Manche Wiener Foodcoops verwenden die Foodsoft zur Koordination von Bestellungen. Bei uns sinds google sheets. Da gibt es dann z. B. eine Bestellliste fürs Gemüse und so trägt man in einer Tabelle seinen Namen und die gewünschten Angaben zum Gemüse ein. Genauso funktionierts mit Milchprodukten, Brot, Tee, veganen Aufstrichen, Südfrüchten im Winter und fermentierten Produkten von Il fermento. Die Gemüsebestellung und -lieferung ist genauso wie die Brot- und die Milchproduktebestellung jede Woche um die gleiche Zeit. Andere Bestellungen sind unregelmäßiger.

Obstsäfte vom Klampfer, Obstbau Filipp, Wein vom Klampfer und Hager

Wie funktioniert so ein ‘Einkauf’ – also die Abholung?

Du kommst entweder beim Möhrenkränzchen am Dienstag zwischen 18:00 und 20:00 Uhr vorbei oder wann es dir passt mit Türcode. Abholen ist mit etwas Aufwand und viel Eigenverantwortung verbunden. Du nimmst dir alles selbst, wiegst selbst ab, füllst um und wäschst das Käsemesser nachdem du dir Käse runtergeschnitten hast. Dann rechnest du selbst zusammen und trägst die Summe in dein Kontoblatt ein. Du bist verantwortlich. Daheim kochst du dir dann was Feines.

Und was kostet der Spaß?

Es gibt zumal den Migliedsbeitrag, den jede*r für Miete, Strom, Versicherung, Schwund etc. zahlt. Da ist der Richtwert bei uns aktuell so um die 10 Euro pro Person. Und dann zahlst du für die verschiedenen Produkte, die du genießt. Oftmals fragen potentielle neue Mitglieder nach dem Preis bzw. wie man Foodcoop-Preise mit herkömmlichen Einkäufen vergleichen kann.

Diese Fragen kann man nicht so pauschaliert beantworten. Wenn man mit den Bio-Produkten vom Diskonter vergleicht, ist sicherlich vieles teurer. Abgesehen von der Hirse. In meinem ersten Foodcoop Jahr hat die chinesische Bio-Hirse beim Hofer doppelt so viel gekostet wie die österreichische Hirse von den Schmidts. Das Gemüse in unserer Foodcoop ist meist günstiger als beim Denn’s – aber vielleicht auch nicht immer. Kommt immer aufs Produkt und die Saison drauf an.

Preisliche Fragen stehen sicherlich in der Foodcoop immer weit hinter ökologischen Fragen von Herstellung, Transport oder Verpackung. Und manchmal denk ich mir, wenn ich die Zeit aufrechne, die ich jetzt nicht mehr mit Schlage im Supermarkt stehen, mich nicht entscheiden können, Essen auspacken, Müll wegschmeißen und Müll wegtragen verbringe, habe ich vielleicht sogar gewonnen?

Wer macht die Arbeit?

Wer mahlt das Mehl? Wenn du Mehl möchtest, nimmst du dir das Getreide und mahlst selbst. Angenehm ist hier, dass du dir auch nur 200g mahlen kannst oder wieviel du eben brauchst. Und das auch noch frisch!

Dein erster Kontakt mit einer Foodcoop ist vielleicht die Homepage, um die sich jemand kümmert. Oder du schreibst eine Mail an eine allgemeine Info-Mailadresse. Jemand wird dir antworten. Dann bekommst du eine*n Buddy zugeteilt (zumindest in der Möhrengasse und in den meisten Wiener Foodcoops ist das so), die/der dich in der ersten Zeit unterstützt. Diese Person beantwortet dir Fragen und erleichtert somit das Reinkommen und Andocken an die Foodcoop. Vielleicht kommst du auch zu einem Möhrenkränzchen, wo zwei fleißige Möhr*innen sich um das Lager kümmern, putzen, Mindeshaltbarkeitsdaten überprüfen und Interessierte informieren.

Dann gibt’s Personen in der Foodcoop, die direkt in Kontakt mit den Produzent*innen stehen, und sich um Bestellungen, Lieferungen, Abholung etc. kümmern. Manche kümmern sich um die Bezahlung der Rechnungen, das Waschen der Geschirrtücher, das regelmäßige Lüften oder das Ausfüllen der Leergutlisten. Die Aufgaben in einer Foodcoop verändern sich genauso wie die Menschen in der Foodcoop. Eines ist sicher: Es findet sich immer für jede*n etwas zu tun und für jede Aufgabe findet sich auch immer wer, der sie gerne angeht.

Ist die Arbeit in der Foodcoop wie ein Honigschlecken?

Wie werden Entscheidungen getroffen?

Partizipatorisch, einstimmig, diskutierend. Aktuell findet einmal im Monat ein Plenum statt. Bei uns abwechselnd am Mittwoch Abend und dann am Sonntag Nachmittag. Da kommen dann jene, die Zeit und Lust haben zusammen und besprechen, diskutieren, wägen ab und informieren zu dem, was gerade wichtig ist. Besprochen werden z. B. neue Produzent*innen, mögliche Kooperationen oder aktuell der Marktamtbesuch.

Jede*r hat die Möglichkeit Themen einzubringen – im Vorfeld im Online-Forum oder zu Beginn des Plenums bei der Themenfindung. Jede*r kann Vorschläge machen und mitdiskutieren. Das Ziel sind einstimmige Entscheidungen bzw. konsensorientierte Entscheidungen, die sich für alle Beteiligten gut anfühlen. Mitbedacht werden auch oft die Bedürfnisse von Mitgliedern, die gerade nicht beim Plenum dabei sind.

Bevor ich in der Möhrengasse Mitglied war, hatte ich kaum Erfahrung in dieser Art der Diskussionskultur. Ehrenamtlich war ich vor ein paar Jahren in Innsbruck einige Zeit bei einer Amnesty International Gruppe aktiv gewesen. Ich hatte auch in einem kleinen Weltladen mit regelmäßigen Plena mitgeholfen. Auch dort gab es Diskussionen doch auch oft Hierarchien. Diese waren direkt ersichtlich oder unterschwellig und unausgesprochen.

Ich kann mich noch an mein erstes Arbeitsgruppentreffen in der Möhrengasse erinnern. Damals hatten wir noch Arbeitsgruppen. Zur Arbeitsgruppe ‘Essen Jetzt!’ trafen wir uns im Cafe Sperlhof. Obwohl ich damals wenig Ahnung von biologischen Bauernprodukten, Kooperation mit Produzent*innen und Foodcoops hatte, zählten meine Ideen genauso viel, wie jene der Personen, die schon in der ersten Wiener Foodcoop Bioparadies dabei gewesen waren und nun Möhrengassen-Mitglieder waren. Dieses Gefühl möchte ich auch heute noch allen mitgeben, die neu in die Foodcooop kommen.

Immer Zeit für Kaffee…

Vernetzung und Kooperation

In den Wiener Foodcoops wird viel koordiniert. Z. B. die Südfrüchtebestellung aus Sizilien: In den Wintermonaten kommt ein LKW und liefert alle Bestellungen aller Wiener Foodcoops zur Foodcoop Markhof, wo super fleißige Personen, die Bestellungen aussortieren und zusammenstellen, somit dann die einzelnen Foodcoops ihre konkrete Bestellung abholen können.

Koordiniert wird auch die Getreidelieferung bei den Schmidts, wo gemeinsam ein Sixt-Transporter ausgeliehen wird, um die 1-2 Tonnen Getreide nach Wien zu fahren. Gemeinsam wird eingeladen, geschleppt und von Neudorf bei Staatz nach Wien gefahren und dann in den unterschiedlichen Wiener Foodcooops abgeladen.

Gemeinsam wird auch Reis aus Oberitalien bei Lesca Simone bestellt und dann gibt es ein Vernetzungs-Open-Atrium und immer mal wieder Vernetzungstreffen der IG-Foodcoops, um Dinge zu besprechen, die alle österreichischen Foodcoops betreffen. Geholfen wird untereinander für Software-Dinge (fürs Forum, Bestellung, Koordination), Umgang mit Behörden, Organisatorisches und insbesondere Neugründungen. Wer auch immer in Österreich eine Foodcoop gründen möchte, kann auf einen großen Pool an Wissen und hilfsbereiten Menschen zählen, die gerne mit ihren Erfahrungen und viel Motivation unterstützen.

Du willst jetzt auch Foodcoop Mitglied werden?

Foodcoops in Wien:

Foodcoops in Österreich gibt’s z. B. auch in Linz, Klagenfurt, St. Pölten, Innsbruck, Graz, Straß im Attergau, Vomperbach, Alberndorf, Salzburg, Mittersil, Kronstorf, Roitham, Scharnstein, Wattens, Zwettl, Gänserndorf, Ulrichskirchen, Gmunden, Mistelbach, Traiskirchen, Imst, Langenlois, Deutschlandsberg, Pörndorf, Reichersberg, Schwaz, Steyeregg, Dornbirn, Gablitz, Vöcklabruck. Die Liste ist nicht vollständig und erweitertet sich kontinuierlich. Weitere Infos gibt es auf der Foodcoop-Homepage.

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